Energiewechsel

Halberstadt: Der Literaturwissenschaftler Dr. Thomas Combrink nähert sich Halberstadt durch seine Nähe zu Alexander-Kluge-Texten

Pressemeldung vom 11. Februar 2013, 10:07 Uhr

Voll war es in der „Alten Theaterkantine“ am Donnerstagabend. Es wurden zusätzliche Stühle und Bänke hereingetragen, damit alle Gäste einen Platz bekamen. Das Nordharzer Städtebundtheater hatte zur Veranstaltungsreihe „Text“ eingeladen, in deren Mittelpunkt bereits zum zweiten Mal die Person Alexander Kluge – der vielfach preisgekrönte Filmemacher, Fernsehproduzent und Buchautor – stand. Zu Gast und im Gespräch mit dem Schauspieldramaturgen Sebastian Fust war Dr. Thomas Combrink, der das literarische und filmische Schaffen Kluges als „Gesamtkunstwerk“ bezeichnet. Er ist seit 2009 Mitarbeiter im literarischen Bereich von Alexander Kluge.

Am 14. Februar feiert der in Halberstadt geborene Sohn des Theaterarztes, Dr. Ernst Kluge, seinen 81. Geburtstag. Bis zum Tod seines Vaters in den 70er Jahren besuchte Kluge seine Heimatstadt jährlich, später seltener. 2000 besuchte er das John-Cage-Orgel-Kunst-Projekt Halberstadt. 2005 war er mit seiner Schwester Alexandra anlässlich des Gedenkens an die Zerstörung Halberstadts vor 60 Jahren in die Domstadt gekommen. Sein Besuch 2011 konfrontierte ihn mit dem Zugunglück in Hordorf – Gedanken dazu sind in seinem 2012 erschienenen Buch „Das fünfte Buch – Neue Lebensläufe – 402 Geschichten“ zu lesen. Die Geschichten widmen sich aber auch seinen Erinnerungen an Kindertage in Halberstadt, an seinen Freund Peickert von der Ratsapotheke am Holzmarkt, an die Trennung seiner Eltern, den Lufttalarm und die Zerstörung Halberstadts. Dem Vorwort entnommen, stehe „Das fünfte Buch“ im Dialog mit den vorangegangenen vier Bänden seiner Erzählungen. Wie in seinem ersten Buch (1962) gehe es um Lebensläufe. Die Geschichten seien „teils erfunden, teils nicht erfunden“.

Im „Text“-Dialog mit Sebastian Fust und der Schauspielerin Theresa Zschernig berichtete der aus Bielefeld angereiste Dr. Thomas Combrink aus seiner Arbeit mit und über Kluge sowie aus seinen Werken. Schon lange wollte Combrink dieses ihm mittlerweile vertraute Halberstadt aus Kluges Texten selbst kennenlernen. So fuhr er kurzer Hand 2012 in die Domstadt und suchte nach Straßen wie Seidenbeutel, Gleimstraße, Kaiserstraße oder Hauptmann-Loeper-Straße – Straßennamen, die teils durch andere ersetzt wurden oder Straßenführungen, die nur noch erahnt werden können. Er nähert sich Halberstadt durch seine Nähe zu den Kluge-Texten.
Nun ist Combrink zum zweiten Mal in Halberstadt und geht seinen Fragen gemeinsam mit dem Publikum der Veranstaltungsreihe „Text“ nach: Was ist dieses Halberstadt? Wie viel Deckung hat die Stadt noch mit ihrem literarischen Pendant? Was ist authentisch, was ist vergangen, was schwingt nur noch in der Erinnerung nach? Und welches Leben erzeugt Literatur?

Im Rahmen dieser Antwortsuche kam es zum Gedankenaustausch und Gesprächen mit dem Halberstädter Ortschronisten Werner Hartmann, der Kluge persönlich kennt. Es wurden 8-mm Schmalfilme, die Halberstädter aus ihrer privaten Sammlung für diesen Abend zur Verfügung gestellt hatten, gezeigt und mit Texten von Alexander Kluge kombiniert. So die Sprengung der Paulskirchenruine im Jahr 1970, die mit der Erzählung über die letzten Tage von Kluges Vater unterlegt wurde. Lebensläufe trafen auf Lebensläufe und unterstrichen den Gedanken Alexander Kluges: „Nicht nur Menschen haben Lebensläufe, sondern auch die Dinge: die Kleider, die Arbeit, die Gewohnheiten und die Erwartungen. Für Menschen sind Lebensläufe die Behausung, wenn draußen Krise herrscht. Alle Lebensläufe gemeinsam bilden eine unsichtbare Schrift. Nie leben sie allein. Sie existieren in Gruppen, Generationen, Staaten, Netzen. Sie lieben Umwege und Auswege. Lebensläufe sind verknüpfte Tiere.“ (zitiert aus: „Das fünfte Buch“).
Wer mehr über Alexander Kluge und sein filmisches Schaffen erfahren möchte, sollte sich den 6. März 2013, 19.30 Uhr, vormerken. „Text“ in der „Alten Theaterkantine“ nähert sich dann unter dem Titel dem Filmemacher und Fernsehproduzenten Alexander Kluge.

Quelle: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Halberstadt

Share on Facebook Share on Google+

 Hinweis