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Halberstadt: Ein unvergesslicher Abend im Gleimhaus mit Jutta Hoffmann und Alexander Kluge

Pressemeldung vom 26. Mai 2014, 11:33 Uhr

„Ich bin stolz auf diese Stadt und stolz darauf, dass ich hier in einer solchen Ausstellung im Gleimhaus auftreten darf“, begrüßt der Autor und Filmemacher Alexander Kluge, der Halberstadt gern „seine Vaterstadt“ nennt, die etwa 100 Gäste in dem Literaturmuseum am Dom. Das Projekt „Alexander Kluge, Halberstadt“, das vom Gleimhaus, dem Nordharzer Städtebundtheater, der Stadt Halberstadt und anderen Partnern seit längerer Zeit verfolgt wird, erreichte mit dem Kluge-Abend am 22. Mai im Gleimhaus einen Höhepunkt.

Mit der Ausstellung meint Kluge die umfangreiche Sammlung von Büchern, Briefen und Bildern aus dem 18. Jahrhundert, die der Mäzen und Schriftsteller Gleim an diesem Ort in Halberstadt zusammengetragen hat. Ob Kloppstock, Fichte, Herder oder Säume – sie alle sind im sogenannten Freundschaftstempel des Gleimhaus versammelt. „Johann Wilhelm Ludwig Gleim hat die Geister vereint“ sagt Kluge und schlägt den gedanklichen Bogen zu Hans-Werner Richter, dem Begründer des Schriftsteller- und Kritikerkreises „Gruppe 47“.
20 Geschichten hat Kluge in den vergangenen Monaten über Gleim und seine Zeitgenossen geschrieben, aus denen er an dem Abend im Gleimhaus liest. Anknüpfend an Gleim entwickelt Kluge Gedanken und Fiktionen über die politische Wende und darüber wie es hätte besser laufen können mit den neuen Ländern nach 1990 – zum Beispiel mit einem direkten Anschluss an Brüssel: „Eine Republik Brocken kann ich mir lebhaft vorstellen“, sagt er kühn und lächelt.
Teil „Zwei“ im ersten Teil des Abends: Kluges neues Buch „30. April 1945. Der Tag an dem Hitler sich erschoß und die Westbindung der Deutschen begann“. Unter der Kapitelüberschrift „In einer kleinen Stadt“ sind 15 Geschichten aus und über Halberstadt zu lesen. Die Gäste des Gleimhauses hören aufmerksam zu, sie erkennen die beschriebenen Orte, Namen und Erlebtes. Wie war das am 30. April 1945 – das Graben nach Toten am Hohen Weg, Brandgeruch, Hunger, Tauschhandel, Räumungsarbeiten, die Übergabe der Stadt an die Briten….

„Es ist wichtig, dass wir den einzelnen Tag verstehen, dann verstehen wir auch die Welt von 70.000 Jahren, zwölf Jahren oder Monaten“, erklärt Kluge seine Entscheidung, das Buch auf einen einigen Tag, den 30. April 1945, in verschiedenen Orte der Welt zu fokussieren. Nicht nur das rückwärtige Verstehen, sondern auch der Blick nach vorn und die Gegenwart – wie die aktuell-politische Lage in der Ukraine – beschäftigen Alexander Kluge. An seinen Bemerkungen zwischen den Leseproben wird dies immer wieder deutlich.

Gleichzeitig ist ein Film zu dem Buch entstanden – ein Ausschnitt aus dem 90minütigen Streifen wird gezeigt. Dieser Film wird ab 31. Mai im Gleimhaus zu sehen sein. Ebenso werden die neuen „Fake-Interviews“ mit Helge Schneider „Früher wollte ich Nachrichtensprecher werden“ gezeigt.
Es solle zur Regel werden, dass die neuen Alexander-Kluge-Filme im „Halberstädter Burchardi-Kino“ (eine nett gemeinte Wortschöpfung des Filmemachers) gezeigt werden. Damit meint er das Herrenhaus des Burchardiklosters, wo seit einigen Monaten das filmische Werk Kluges in einer Ausstellung präsentiert wird. Ein weiterer seiner neuen Filme, auf den Kluge aufmerksam macht „Nachrichten vom Großen Krieg“ wird dort ab 31. Mai bis zum Ende der Ausstellung gezeigt – eine deutsche Uraufführung.

Eine Produktion aus dem Jahr 1985 ist „Die Übergabe des Kindes“, die Alexander Kluge mit der renommierten Schauspielerin Jutta Hoffmann gedreht hat. Gemeinsam gestalten Jutta Hoffmann und Alexander Kluge den zweiten Teil des Gleimhaus-Abends. Die Halberstädter begrüßen die „große Film- und Bühnenschauspielerin“ mit herzlichem Applaus. „Heute Abend führt uns ein Mensch zusammen, den wir beide lieben und schätzen, ein Mensch, der in unser beider Herzen ist“, sagt Kluge. Sowohl Jutta Hoffmann als auch Alexander Kluge arbeiteten mit dem Regisseur, Bühnenbildner, Schriftsteller und Maler Einar Schleef (in Sangerhausen geboren; 2010 gestorben).

So spielte Jutta Hoffmann in der mehrstündigen Schleef-Inszenierung „Verratenes Volk“ eine einzigartige Rosa Luxemburg – eine Kostprobe der Luxembug-Texte spricht Jutta Hoffmann für die Halberstädter. Unverkennbar: Sie ist eine Schauspielerin mit Haut und Haaren. Gestik, Mimik und Sprache sind impulsiv, zurückhaltend, kämpferisch – die Gleimhaus-Gäste werden zum Theaterpublikum. „Verratenes Volk“ war Schleefs letzte Theaterarbeit und entstand nach Texten von John Milton, Friedrich Nietzsche, Edwin Erich Dwinger und Alfred Döblin (Deutsches Theater Berlin; im Jahr 2000).

„Mit Einar Schleef zu spielen, war hinreißend und unglaublich gut. Es war immer direkt. Es war immer gemeint“, schwärmt Jutta Hoffmann, die unter seiner Regie auch die Titelrolle in „Fräulein Julie“ (Berliner Ensemble; im Jahr 1975) gespielt hat.

„Was Kunst werden soll, muss brennen“ ist ein Ausspruch von Einar Schleef. Auf dieses Zitat Bezug nehmend formuliert Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Henke seine Dankesworte: „Dass beide Künstler – Jutta Hoffmann und Alexander Kluge – für ihre Kunst, für die Kunst des Gedankens und des sich „Gedankenmachens“ inständig brennen, war heute eindrucksvoll zu erleben. Das war ein Kunstgenuss höchster Güte.“
Eine musikalische Krönung erhielt der Abend durch Johannes Rieger, Musikdirektor und Intendant des Nordharzer Städtebundtheaters, am Klavier und Juha Koskela, Bariton. Sie brachten unter anderem Richard Wagners „Ankunft bei den schwarzen Schwänen“, Vincenzo Bellinis „La Sonnambula“ oder „Memento vivere“ – Gesänge nach Texten von Friedrich Hebbel von Rudi Stephan zu Gehör.

Zum Abschluss des Abends baten Stadtratspräsident Dr. Volker Bürger und Halberstadts Oberbürgermeister Andreas Jutta Hoffmann sowie Alexander und Alexandra Kluge darum, der Stadt die Ehre zu erweisen, sich in das Goldene Buch von Halberstadt einzutragen.
In ihrem Schlusswort stellt Gleimhausdirektorin Dr. Ute Pott in Aussicht: „Wir werden auch über das Projekt „Alexander Kluge, Halberstadt“ mit Kluge in Kontakt bleiben und weiterhin von ihm hören und sehen.“

Die zweiteilige Ausstellung „Alexander Kluge, Halberstadt“ im Gleimhaus (sein literarisches Werk) und im Herrenhaus des Burchardiklosters (sein filmisches Werk) ist noch bis zum 9. Juni 2014 zu sehen. Zur Finissage lädt das Gleimhaus am Montag, 9. Juni um 15.00 Uhr ein.

Quelle: Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stadt Halberstadt

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